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Erasmus Schöfer: Winterdämmerung
Erscheinungsdatum: 05.07.2008

ISBN 978-3-937717-27-2
632 Seiten, gebunden

Preis: 24,80 €



Auch als E-Book erhältlich!

Erasmus Schöfer Winterdämmerung

Die Kinder des Sisyfos. Zeitroman

Buchbeschreibung

»Wenn Schöfer das Niveau dieses Romans vier Bücher lang durchhält, könnte seine Tetralogie als Maßstab in die Literaturgeschichte eingehen«, schrieb Michael Sailer 2001 in München.
Der vorliegende Roman »Winterdämmerung«, der vierte Band der Tetralogie, zeigt sieben Jahre später, dass die Erwartung des Rezensenten von »Ein Frühling irrer Hoffnung« Wirklichkeit geworden ist: Schöfers die »Die Kinder des Sisyfos« ist ein eigenwilliges und einmaliges Werk der modernen deutschsprachigen Literatur.
Die Geschichte der Achtundsechziger, der Kinder des Sisyfos, setzt sich fort in den achtziger Jahren: Der Betriebsrat Manfred Anklam wechselt auf die Seite der Unternehmensleitung und besetzt dann trotzdem mit seinen Kollegen die Villa Hügel der Krupp-Familie. Der berufslose Viktor Bliss kämpft gegen seine Feuerverletzungen und gegen seine Partei, der Journalist Armin Kolenda erlebt das schreckliche Verbrechen eines Freundes. Seine Liebe zu dessen
Freundin Lisa rettet die beiden völlig verstörten Menschen. Lena Bliss und Malina Stotz machen ernst mit ihrer Befreiung, verlassen ihre Männer und spielen ihr eigenes Leben.
Der Autor erzählt, wie die persönlichen Schicksale seiner Hauptpersonen verfl ochten sind in die sozialen Großereignisse des Jahrzehnts – in den Widerstand gegen die Startbahn-West in Frankfurt, die Raketenstationierung, gegen die Schließung des Stahlwerkes in Rheinhausen.
Die überraschend aus den USA auftauchende Ann zeigt mit ihrem Elan und ihrem frischen Blick auf die gesellschaftlichen Vorgänge in Deutschland ihrem Großvater Bliss, dass die Kämpfe für eine humanere Gesellschaft sich auch in anderer Form fortsetzen können.
In seinem witzig-rührenden Schlusskapitel führt Schöfer seine Hauptpersonen in der Silvesternacht 1989 zu einer privaten Party zusammen, während am Brandenburger Tor die große gesamtdeutsche Party gefeiert wird.
Kritiker haben Schöfers Werk mit Uwe Johnsons »Jahrestage« und Peter Weiss' »Ästhetik des Widerstands« verglichen. Schöfer ist ein fulminanter Abschluss seiner Tetralogie gelungen. »Winterdämmerung« ist ein bewegender Roman, der, ebenso wie die anderen Bände, auch sehr gut als einzelnes Buch gelesen werden kann.

Pressestimmen

Die Geschichte der Achtundsechziger setzt sich nach dem glühend konfliktreichen dritten Teil »Sonnenflucht« nun in gedämpfteren Farben fort. Kein Wunder, sein Personal ist älter geworden, hat aber gleichwohl einen gewachsenen Lebenshunger. Obwohl die Handlung über 600 Seiten bedächtig ausgefaltet wird, begegnet Schöfers Prosa ihren Lesern doch mit leichtfüßigem Ton. Die schwierige Übung, sowohl breites Panorama als auch gestaffelte Chronik miteinander in Einklang zu bringen, gelingt über weite Strecken fließend. …

Zumeist wird jedoch das Zeitgeschehen zur Geschichte seiner Figuren. So erleben wir etwas den Zusammenbruch der Stahlindustrie, wie er in Rheinhausen einsetzte, aus der Perspektive von Manfred Anklam, der die Fronten zwischen Belegschaft und Firmenleitung wechselt. In Details beschreibt Schöfer die Auflösungsprozesse von Gewerkschaft und politischer Linken mit seismographischer Genauigkeit. Eine Situation, die im Schlussbild gerinnt, als man während des Silvestertrubels 1989 nur noch mit freundlicher Sympathie über die vergessenen roten Fahnen vergangener Arbeitskämpfe lacht.

Längst haben die Verhältnisse eine Komplexität angenommen, die die ehemaligen Feindbilder des Klassenkampfes naiv anmuten lassen. Auch wenn die gesellschaftlichen Großereignisse wie der Widerstand gegen die Startbahn West, die Raketenstationierungen, die Etablierung der Frauenbegewegung oder der sich ankündigende Zusammenbruch des Sozialismus Stationen des Romans darstellen, wird es doch immer dort besonders interessant, wo es um die Einzelschicksale geht.

Etwas um das schwierige Schicksal des ehemaligen Lehrers Viktor Bliss, der in Griechenland verletzt wird. Faszinierend auch der Blick auf seine Frau Lena, die mit einem Liebhaber ein neues Leben als Schauspielerin beginnt.

Dass der Roman auffällig viele Liebesszenen enthält, verleiht nicht nur seiner Handlung Kraftstoff, sondern bezeugt auch jene versöhnliche Note, die Schöfer diesmal subtil zwischen den Zeilen aufkommen lässt.

Thomas Lindner, Kölnische Rundschau

Nun liegt der vierte Band vor: In »Winterdämmerung«, dem packenden Finale des BRD-Panoramas, beobachtet Schöfer seine Protagonisten in den 80er Jahren. Die Idee zum Mammutwerk reifte kurz nach der Wende: »Damals waren linke Hoffnungen ziemlich aussichtslos, und mir wurde klar, dass ich einer der wenigen Autoren bin, der diese gesamte Zeit handelnd erlebt hat.« Denn Schöfer war dabei, auch beim Kampf gegen das Atomkraftwerk Wyhl. Schon immer habe er literarisch erforschen wollen »was in den für den Arbeiter zugänglichen Bereichen los war«, etwa in Duisburg-Rheinhausen, wo in den 80ern das Stahlwerk geschlossen wurde.
Immer wieder dreht sich der Roman um die hehren Ziele der Linken. Deren Versuch, ihre Ideen umzusetzen, sei gescheitert, beklagt Schöfer, der in den 70er und 80er Jahren DKP-Mitglied war. Seinen Roman will er jedoch nicht als Chronologie des Scheiterns verstanden wissen, sondern als »Chronologie des Engagements der Menschen«.

Emmanuel van Stein, Kölner Stadtanzeiger

Ulla Lessmann, ver.di NEWS

Solidarisch mittendrin

Erasmus Schöfers Roman über die Geschichte der westdeutschen Linken ist ein Höhepunkt realistischen Erzählens

Es gibt neuerdings Romane, die sich der Aufgabe verschreiben, für die vermeintlichen Handlungszwänge regierender Politiker bei ihren Lesern um Verständnis zu werben. Dirk Kurbjuweit und Michael Kumpfmüller erzählen beispielsweise Geschichten, in denen das von der Bevölkerungsmehrheit abgeschottete politische Personal sich von seiner menschlichen Seite zeigt, Affären nachgeht und dabei die ganze Last der sogenannten politischen Verantwortung ständig mit sich herumträgt. Ganz anders der Roman »Winterdämmerung« von Erasmus Schöfer. Die Sichtweise der Mächtigen, wenn sie denn einmal vorkommt, wird hier konsequent von unten dargestellt. Entlang ausgewählter Stationen und fiktiver Biographien erzählt der Kölner Schriftsteller die Geschichte der westdeutschen Linken in den Jahren zwischen 1980 und dem Mauerfall. Die Schreibe des 1931 in Altlandsberg bei Berlin geborenen Erzählers ist dabei um vieles frischer, packender, erotischer als die oben genannten Beispiele. Das liegt sicher auch daran, daß für den Fortgang der Handlung das schon äußerlich turbulente Geschehen der sozialen Bewegungen zentral ist. Wichtiger noch, der Mann kann schreiben: lebendig, zupackend, lyrisch, deftig, dokumentarisch, spannend, politisch scharf, historisch weitblickend, mitfühlend, zärtlich und existentiell. Der Leser wird in die Diskussionen, Gedanken und Betten der Figuren förmlich hineingezogen, ebenso in die historischen Situationen. Nehmen wir den Widerstand gegen den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Man hat die Nebelschwaden buchstäblich vor Augen, wenn es ins Hüttendorf geht, hört, wie die von weither herangekarrten Polizisten wie archaische Krieger auf ihren Schilden trommeln, dann die Schreie der niedergeknüppelten Demonstranten. Wir erleben das Geschehen aus der Perspektive des Reporters Armin Kolenda, der im Laufe des Schlachtgetümmels leicht verletzt in Gewahrsamshaft genommen wird.
Kolenda ist, neben dem Historiker Viktor Bliss, dessen Ehefrau, der Schauspielerin Lena Bliss und dem Werkzeugmacher Manfred Anklam, eine der Hauptfiguren von Erasmus Schöfers vierteiligem Zeitroman »Die Kinder des Sisyfos«, dessen abschließenden Band wir nun vor uns haben. Kolenda ist zugegen, als der Schriftsteller Peter Härtling mit seinen Kindern über den offenen Brief diskutiert, den er zwecks Startbahnverhinderung an den Parteifreund Willy Brandt zu schicken gedenkt. Der Autor gehört zu den vielen Realfiguren, denen die fiktiven Protagonisten im Laufe des Romangeschehens begegnen. Härtling fand damals den Weg ins Hüttendorf, um den mit Körpereinsatz geführten Kampf der Startbahngegner mit dem Wort zu unterstützen. Dabei war es um die Chancen des lokalen Aufbegehrens von Anfang an schlecht bestellt, denn die militärischen Interessen des NATO-Partners USA wogen schwerer als die Rebellion der ansässigen Bevölkerung und der Schutz der betroffenen Flora und Fauna.
Seinen Erzählstoff hat Schöfer zum großen Teil selbst erlebt, beobachtet, aber auch als Aktivist mitgestaltet. Das mag der Grund sein, weshalb seine Szenerien so authentisch wirken, die Diskussionen so glaubwürdig und die dargestellten Konflikte so äußerst realistisch. Es sind die Jahre, als der Krefelder Appell gegen die atomare Aufrüstung für Furore sorgte, die Friedensbewegung Hunderttausende Menschen auf die Straße brachte, die Gewerkschaften für die 35-Stunden-Woche kämpften. Schöfers Figuren sind dabei, als sich Lesekreise bilden, um die »Ästhetik des Widerstands« zu lesen. Sie unterstützen die Stahlarbeiter des Ruhrpotts im Kampf gegen die Schließung der Rheinhausener Stahlhütte. Als die realsozialistische Staatenwelt zusammenbricht, erblickt der marxistische Historiker Viktor Bliss gemeinsam mit seiner Enkelin aus den USA in der anarchistischen Kommune Kaufungen so etwas wie einen Vorschein auf eine auch künftig noch mögliche solidarische Gemeinschaftsform.
Der Roman zeigt, wie Menschen sich für die Befreiung engagieren, dabei scheitern und ihr Tun dennoch nicht vergeblich ist. Der utopische Funken wird jedesmal neu entfacht, wenn sich zwei oder mehr finden, die sich neu binden, freundschaftlichen Umgang auffrischen und Wahlverwandtschaften stiften. Seine Protagonisten sind aus Fleisch und Blut, fehlbar, leidens- und liebesfähig. Nie wirken sie bloß ausgedacht, stereotyp oder zu figürlichen Statthaltern abstrakter Fortschrittsideen reduziert. Sie sind liebesbedürftige und erotische Wesen, deren intime Begegnungen Schöfer mit all ihren lyrischen, derben, komischen, sehnsüchtigen und rauschhaften Momenten lebendig macht. Der von Schöfer geschilderte Sex ist manchmal flüchtig, aber nie beziehungslos, entfremdet. Nur einmal liest sich eine menschliche Begegnung ein wenig konstruiert. Nämlich die, als der an Leib und Seele versehrte Historiker Viktor Bliss, dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter beim Hundausführen über den Weg läuft und die beiden Fremden sich im Nullkommanix über Persönliches und die Weltläufte austauschen. Wie es Schöfer gelingt, den Fall des Hannes Sonnefeld zu schildern, eines für Kulturfragen zuständigen Gewerkschaftsfunktionärs, der sich erhängte, kurz nachdem die Tochter seiner Lebensgefährtin ermordet aufgefunden worden war, ist dagegen ein literarisches Meisterstück. Er vermag glaubhaft zu schildern, wie Lisa Esper, die Mutter des ermordeten Mädchens, ihren Geliebten zu respektieren nicht aufhört, obwohl sie sicher zu sein glaubt, daß er ihre geliebte Tochter ermordet hat.
Immer noch gehört Schöfer zu den großen Unbekannten unter den deutschsprachigen Romanciers. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, daß er in seiner langen Schriftstellerkarriere erst sehr spät als Romanautor in Erscheinung trat. Bevor er seine Tetralogie »Die Kinder des Sisyfos« begann, hatte sich der studierte Sprachwissenschaftler und Philosoph in kleineren publizistischen Formen geübt, beispielsweise Hörspiele für den WDR geschrieben, aber auch für den Hörfunk und das Fernsehen der DDR gearbeitet. Vielen ist er bekannt als Mitbegründer des Werkkreises Literatur und Arbeitswelt. Sein Roman »Winterdämmerung« ist kein trockenes Geschichtsbuch, sondern ein bemerkenswertes Stück Literatur, das zum Besten gehört, was der Rezensent je in deutscher Sprache gelesen hat.

Thomas Wagner, JUNGE WELT

… In einer vieldimensionalen Textur werden die Schicksale von Menschen, die man aus den vorangegangen Büchern zum großen Teil kennt, in ihrer weiteren Entwicklung eingefangen: Dramatisch und lyrisch, nostalgisch und kritisch, im Protokoll- und manchmal auch im Leitartikelton – insgesamt in ihren Höhen und Tiefen. Entworfen werden das Handlungspanorama und die Seelenlandschaft der 68er-Generation mit ihren Hoffnungen, Enttäuschungen, Selbsttäuschungen und weiterwirkenden Utopien…

Eine heitere Deutung erfährt Sisyphos-Topos durch den Journalisten Armin Kolenda in einem Bettgespräch mit seiner Geliebten Lisa Esper führt; er preist sie als seinen »schönen frühlingsgrünen Berg, voller Blumen und Düfte und Schmetterlingen«. Damit neigt sich eine Geschichte in der Geschichte, die geradezu atemberaubend zu lesen ist, einer versöhnlichen Lösung zu: Lisa hat ihre Tochter durch Mord verloren; der Mörder scheint der Gewerkschafter Hannes Sonnenfeld zu sein, der kurz darauf Selbstmord begeht und ihr in Liebesleidenschaft verbunden war. Wie nun der recherchierende Kolenda die Wahrheit herauszufinden sucht, die Abgründe der Tragödie einfühlend auslotet, die Heuchelei der Umwelt erfährt und der langsam aus tiefer Verstrickung sich lösenden Lisa nahe kommt – dieser Romanteil ist besonders meisterlich gestaltet. Insgesamt steht er für die narrative Qualität des Autors, der ein besonderer Aspekt seines Realismus, wirkliche Personen der Zeitgeschichte (wie etwa Robert Jungk und Horst-Eberhard Richter) sowie viele Lesefrüchte aus dem zeitgenössischen Schrifttum in seine Darstellung einbezieht.

Der Versuch des Autors, über vier dicke Bände hinweg die Entwicklung der Bundesrepublik und der DDR aus der Sicht dezidierter Linker wie die protestierender Abweichler aufzuzeigen – überreichlich auch deren Beziehungsprobleme –, verbunden mit einem profunden Einblick in die Gewerkschaftswirklichkeit, ist insgesamt gelungen.

Wenn Kritiker Schöfers Werk mit Uwe Johnsons »Jahrestage« verglichen, so ist dies angemessen: Wir verfügen nun über einen großen Zeitroman zur 68er-Bewegung, der freilich einer entschleunigten Leseanstrengung bedarf und hoffentlich lange auf der »Backlist« stehen wird.

Hermann Glaser, Nürnberger Nachrichten

Winterdämmerung in Deutschland

Erasmus Schöfer beendet seine Tetralogie mit Erinnerungen an Zeiten, als man statt für die Pendlerpauschale gegen Pershings auf die Straße ging

Als 1989/90 der Kapitalismus über seine Konkurrenten siegte, glaubte man, dass nicht nur der real existierende Sozialismus, sondern gleich die gesamte Geschichte zu Ende sei. Heute können wir die anstehenden Probleme kaum mehr überblicken. Nicht nur, dass überall autoritär-diktatorische Modelle an Boden gewinnen, auch in der wiedervereinten Republik zerfallen die Volksparteien, und das Ansehen der Politiker kann tiefer kaum sinken.

Händeringend wird nach Visionen gesucht, mit denen sich Zukunft gestalten ließe. In dieser Situation kann die Rückbesinnung auf diejenigen Gestalten und Werte hilfreich sein, welche die Stärke der Demokratie in der Vergangenheit ausmachten. Rund 2000 Seiten hat Erasmus Schöfer darauf verwendet, die verschlungenen Entwicklungslinien der Linken und damit der Emanzipationsbewegung in der Bundesrepublik in seinem Spätwerk »Die Kinder des Sisyfos« zu beschreiben, von der Überwindung des Adenauerstaates bis zur Epochenwende 1989/90. Nachdem nunmehr der vierte und letzte Band des Romanzyklus mit dem Titel »Winterdämmerung« vorliegt, der die 1980er Jahre behandelt, kann man sagen, die Arbeit des »Sisyfos«, wie der Autor betont eigenwillig die antike Sagengestalt schreibt, hat sich gelohnt.

Obwohl Schöfer in »Winterdämmerung« streng der Jahreschronologie folgt und im Eingangsmotto mit Fontane gar dem »alten« Realismus huldigt, nutzt er die vielfältigen Möglichkeiten avancierten Erzählens, von der erlebten Rede über lyrische Einsprengsel, Tagebuch- und Briefpassagen, Rollenprosa bis hin zur Textcollage. Wenn hier die großen Ereignisse der 1980er-Jahre rekapituliert werden – Krefelder Appell, Aufkommen der Grünen, Michail Gorbatschow, Tschernobyl, Bitburger Friedhofsbegegnung und schließlich die sogenannte Wiedervereinigungsfeier am Brandenburger Tor – so vollzieht sich die Lektüre gleichsam als interaktiver Erinnerungsprozess. Indem wir den Wortführern und Randfiguren jener Jahre begegnen, etwa Maxie Wander oder Petra Kelly, Horst-Eberhard Richter oder Robert Jungk, wird Schöfers Text zum historischen Roman.

Die Engführung persönlicher Schicksalsschläge mit den gesellschaftlichen Rückschritten der Helmut-Kohl und Ronald Reagan-Ära und ihrer neoliberalen Wende verleihen dem Abschlussband zunächst eine melancholische Grundstimmung, die sich in der Kälte-Metaphorik des Titels zuzuspitzen scheint. Die Startbahn-West ist trotz heftiger Proteste nicht aufzuhalten, ebenso wenig wie die Stationierung der Pershing-Raketen. Auch der Niedergang der Ruhrindustrie und der daraus folgende Verlust der Arbeitsplätze lässt sich durch gewerkschaftliche Aktionen auf Dauer nicht verhindern.

Schöfer belässt es aber nicht dabei, die Niederlagen zu beklagen. In den Diskussionen seiner Protagonisten werden die verschlungenen Irrwege benannt und die Irrtümer auf den Punkt gebracht. So entzaubert die dialogische Erzählweise Schöfers eine ideologisch festgefahrene Weltanschauung. Anders als die Widerstandsästhetik seines Vorgängers Peter Weiss und erzählerisch nicht ganz so kompromisslos, endet Schöfers Chronik nicht im Angesicht des Todes oder gar tragisch, sondern hoffnungsvoll und eher dem Phönix-Mythos verpflichtet.

»Menschenziele wie Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Freiheit können beschädigt werden durch die stalinistischen Bürokraten«, die keineswegs ausgestorben sind, aber auch durch Resignation, Gleichgültigkeit und Dummheit, das lehrt Schöfers großer Zyklus, der zugleich ein wortstarkes Stück Aufklärungsliteratur ist. Er ist daher eigentlich nicht, wie der Untertitel nahe legt ein »Zeitroman«, sondern ein durchaus unzeitgemäßer Roman, für den es höchste Zeit ist.

Heribert Hoven, literaturkritik.de