
- Erscheinungsdatum: 01.09.2005
ISBN 978-3-937717-00-5
646 Seiten, gebunden
Nicht lieferbar
Edgar Hilsenrath Nacht
Gesammelte Werke, Band 1, Herausgegeben von Helmut Braun
Buchbeschreibung
»Nacht« ist der erste Roman Edgar Hilsenraths, er schildert in erschütternder Form den Uberlebenskampf zweier junger Menschen in einem rumänischen Ghetto. Das Buch war ebenso wie Hilsenraths zweiter Roman »Der Nazi & der Friseur« ein Welterfolg und muss, wie Andreas Graf in der Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenaft und Geistesgeschichte betonte, »unter die bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur« gerechnet werden. »In Dantes Inferno geht es nicht höllischer zu. Zum Wolf gewordene Menschen schlagen sich für eine verfaulte Kartoffel, kämpfen brutal und gerissen um einen elenden Schlafplatz. Ein Jude aus Deutschland beschreibt so, was er als Halbwüchsiger im Zweiten Weltkrieg in einem rumänischen Ghetto er- lebt hat. »Wenn der erschütterte Leser Edgar Hilsenraths Ghetto-Roman 'Nacht' aus der Hand legt, ist er ein anderer geworden. Nur der verblendete, stumpf gebliebene oder brutale Verächter des Leidens kann dieses Epos des Grauens hinnehmen, ohne bis ins Innerste von der Heimsuchung betroffen zu sein. Es ist das Erstaunlichste an diesem Buch, dass es trotz der romanhaften Handlung alle Fakten eines Dokumentarberichtes von nie gekannter Furchtbarkeit und Endgültigkeit vorweist.« Peter Jokostra
Pressestimmen
Ein Buch, das den Leser fordert – es wird ihn nicht wieder loslassen, behaupte ich. Es brennt sich ein ins Gedächtnis. Ein Buch über die Nacht, die im Holocaust gipfelt. Die ihre dunkle Schatten bis in die Gegenwart wirft. …
In Deutschland, dem Land der Täter, tat man sich lange schwer mit Hilsenraths Werk. An seiner Art, scheinbar Unsagbares zu sagen, schieden sich die Geister. Um so verdienstvoller jetzt die Werkausgabe des Dittrich Verlags. Sein Roman »Nacht« – für mich eine Warnung vor den Folgen, die ausweglose Situationen mit existenziellen Bedrohungen nach sich ziehen können – im Verhalten aller Menschen, überall auf der Welt, heute wie damals. Insofern ist sein Buch ein sehr Aktuelles, ein Zeitloses – gegen Gewalt und Unmenschlichkeit.
Brigitte Hüpeden, NDR1 Radio MV
Vielleicht kann das Schicksal von Hilsenraths Hauptwerk »Nacht« einiges von den Mechanismen erklären, nach denen Bücher in die »Weltliteratur« eingehen oder nicht. Hilsenrath hatte nach Kriegsende – in Palästina, Frankreich und schließlich in New York – in immer neuen Anläufen versucht, seine grauenhaften Erlebnisse im Ghetto von Mogilew-Podolsk in einem Roman zu verarbeiten. Nach achtjähriger Arbeit konnte er endlich das Manuskript auf einer Maschine mit deutschen Lettern abtippen und in die Heimat schicken, aus der man ihn vertrieben hatte. Doch während die amerikanische Übersetzung inzwischen an Tankstellen verkauft und in Schulen gelesen wurde, vermoderte das Original im Keller eines deutschen Verlages, weil die Verlegersgattin und der Werbeleiter es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, das Buch unter die Leute zu bringen. Hilsenrath kehrte trotzdem nach Deutschland zurück. Rund zwanzig Jahre nach seiner Entstehung erschien der Roman endlich im Verlag Helmut Braun, später bei Piper, wo auch seine folgenden, in zahlreichen Sprachen übersetzten Bücher herausgebracht wurden. Das hinderte den Verlag nicht daran, sich inzwischen wieder von seinem Autor zu trennen und die Publikation der Werkausgabe einem kleinen Verlag in Köln zu überlassen. »Nacht« wurde in keinen der gängigen Kanons aufgenommen, Hilsenrath musste sich jahrelang anhören, dass es in Deutschland keine bedeutenden jüdischen Autoren mehr gebe, er wurde Zeuge der Lobeshymnen auf Semprun, Kertesz, Begley, ohne das jemand auf die Idee kam, ihn als den ebenbürtigen Autor zu würdigen, der er ist. Warum ist ´Nacht´ bis heute für die Kritik unverdaubar geblieben? Es liegt wohl an der Unerbittlichkeit der Darstellung, die weder durch Ironie gemildert wird noch durch die Distanz, die das Schreiben als »Erinnerung« gewährt, noch durch die Betonung der besonderen Rolle der Juden als Opfer, sondern sie als Mitbewohner einer Hölle zeigt, in der niemand der Entmenschlichung ausweichen konnte.
Bernd Wagner, DIE ZEIT
Eindrucksvoll beschreibt Edgar Hilsenrath in seinem Romanerstling »Nacht« das Leben in einem jüdischen Ghetto im Rumänien der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, mit dem er sich seine eigene Leidenserfahrung von der Seele schreibt. Ein Buch, das es vor allem in Deutschland nicht leicht hat, folgt es doch nicht dem Bild vom »edlen Opfer« . Zwar hat in diesem Roman Hilsenraths Stil noch nicht die Qualitäten seines späteren poetischen Realismus erreicht, besticht aber ebenso durch eine Unmittelbarkeit und Authentizität, die den Lesern schaudern macht.
Matthias Zwarg
»Dem Autor ist es gelungen, das sogenannte epische Material von den realen Gegebenheiten zu lösen und zur Dichtung zu erheben. Das konnte nur erreicht werden, weil sich in seinem Roman Leidenschaft und handwerkliches Können zur Meisterschaft verbinden.«
Peter Jokostra
»Der Fährmann Hilsenrath, dieser Dichter ist heute zu rühmen. Mit seinen Werken überquert er den Styx in umgekehrter Richtung: von den Toten zu uns, vom Vergessen zum Erinnern. Ist das nicht überhaupt die Aufgabe von Literatur und Kunst? Das Unsichtbare sichtbar zu machen? Das Verborgene zu bergen, es am Springquell des Faktischen zu zeigen? Deswegen tut man Hilsenrath Unrecht, wenn man ihn ins Ghetto der Holocaustschriftsteller einweisen will. Jeder hat seine Themen. Welche Themen ein wahrhafter Schriftsteller auch immer hat, es wird Literatur sein.«
Aus der Laudatio von Robert Schindel zur Verleihung des Lion-Feuchtwanger-Preises an Edgar Hilsenrath

