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Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur
Erscheinungsdatum: 01.01.2008

ISBN 978-3-937717-01-2
480 Seiten, gebunden

Nicht lieferbar

Edgar Hilsenrath
Der Nazi & der Friseur

Gesammelte Werke, Band 2 Herausgegeben von Helmut Braun

Buchbeschreibung

Dieser Roman aus Deutschlands schlimmster Vergangenheit hat seine eigene Geschichte. Erst sieben Jahre nach seinem Welterfolg in Amerika, Italien, England und Frankreich erschien der ursprünglich auf deutsch geschriebene »Der Nazi & der Friseur« auch in der Bundesrepublik. »Es wäre interessant zu wissen, was das deutsche Volk zu diesem Buch sagen würde«, schrieb Jahre zuvor Times Literary Supplement. Diese lang erwartete Antwort auf das Buch eines Juden mit deutscher Vergangenheit, Sprache und Kultur, das von der Geschichte dieses Landes diktiert und für das es geschrieben wurde, war ein überraschender sensationeller Erfolg. Doch es ist nicht nur der surreale Horror, der Kritiker und Leser dieser turbulenten Großdeutschland-Parodie betroffen machte. Es war nicht nur diese Geschichte von der Höllenfahrt des gelernten Friseurs und späteren SS-Oberscharführers Max Schulz aus der deutschen Provinzstadt, der, als Massenmörder an Tausenden von Juden nach dem Krieg gesucht, in der Identität seines durch ihn umgekommenen jüdischen Jugendfreundes Itzig Finkelstein Schutz sucht, der mit einem Sack voll Goldzähnen auf dem Schwarzmarkt in Berlin sein Geld macht und schließlich mit seinem Gesicht wie ein »Stürmer-Jude« unangefochten nach Israel auswandert und dort seinen gesicherten Lebensabend antritt. Der Erfolg gilt auch einem literarischen Meisterwerk, der Entdeckung eines großen Satirikers und seiner Sprache, »die wild wuchert und doch oft genug trifft, eine düstere und auch stille Poesie entfaltet«, wie Heinrich Böll schrieb.

Pressestimmen

Hilsenrath aber hatte sich bereits in den Sechzigern für den Slapstick und die forcierte Tabuverletzung entschieden, für das Lachen des Opfers, das um keinen Preis mehr ein Opfer sein möchte. Kein Geringerer als Friedrich Torberg hatte seinerzeit in der WELT das radikal Neuartige dieser Ästhetik gespürt, als er dem »Nazi & der Friseur« eine »aus amoralischen Voraussetzungen zutage tretende Moral« attestierte. ?
Hilsenrath ist einer der großen Stilisten dieses Landes, schöpfend aus der eigenen Erinnerung, diese jedoch nie realistisch-platt abschildernd, sondern unübertroffener Meister der knappen, suggestiven Form, für die es in der hiesigen Literatur weder Vorläufer noch Schüler gibt ?

DIE WELT von Marko Martin

In ihrer kompromisslosen Radikalität ist Hilsenraths Satire zweifelsohne von Weltliterarischem Rang.

Jungle World

Edgar Hilsenrath ist es gewohnt, wegen seines spöttischen, makabren Umgangs mit jüdischen Schicksalen, verkannt, angegriffen oder auch ignoriert zu werden. Er provoziert und bricht Tabus mit der Mine des unschuldigen Knaben. Pathos, gar Belehrung oder Indoktrination liegen ihm fern. Die Klarheit, die Lakonie und Direktheit seiner Sprache sind für jedermann verständlich, der verstehen will. Das Spektrum seiner Ausdrucksmöglichkeiten reicht von sanfter Zärtlichkeit über burleske Drastik bis zum schwärzesten Humor. Er polarisiert, weckt Emotionen und regt zum Nachdenken an, indem er den Leser in eine heilsame Ambivalenz stürzt: Er evoziert ein Lachen, das in der Kehle stecken bleibt, und gleichzeitig berstend herausbrechen will.
Hilsenrath verbindet Grausamkeit und Zärtlichkeit, abstrusen Witz und blutigen Ernst, Liebe und Hass, Horror und Lebensfreude in literarischen Meisterwerken, die von beunruhigender Aktualität sind. Für sein Gesamtwerk wurde der Dichter in diesem Jahr mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste gekrönt.

Cornelia Staudacher in DIE ZEIT

Hilsenrath ist einer der großen Stilisten dieses Landes, schöpfend aus der eigenen Erinnerung, diese jedoch nie realistisch-platt abschildernd, unübertroffener Meister der knappen, suggestiven Form, für die es in der hiesigen Literatur weder Vorläufer noch Schüler gibt, denn bei aller Herr-Keunerschen Lakonie – ein didaktischer Ideologe wie Brecht ist Hilsenrath nie gewesen, konnte es aufgrund seines Naturells gar nicht sein. Vor Jahren nannte der »Spiegel« Edgar Hilsenrath einen »Pierrot des Schreckens«. Unsere Vergeßlichkeit muß sich messen lassen an seinen Erinnerungen.

Marko Martin in DIE WELT

Ein Meisterwerk, das jetzt innerhalb einer mustergültig edierten Werkausgabe endlich wieder greifbar ist.

FOCUS

Hilsenrath hat die rabenschwarze, dem Grauen mit Spott und Witz beikommende Karikatur eines Bildungsromans nach der Erfahrung von Auschwitz geschrieben. ?
Seit einiger Zeit wird in der Berliner Republik wieder viel über Hitler, doch kaum noch über seine willigen Helfer gesprochen. Man entdeckt stattdessen mehr und mehr Opfer unter den Deutschen. »Der Nazi & der Friseur« liest sich wie ein prophetisch-ironischer Kommentar dazu. Edgar Hilsenrath, den die Akademie der Künste nun für sein Lebenswerk mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis auszeichnet, ist aktueller denn je.

Mathias Schnitzler in BERLINER ZEITUNG

»Dem Romancier Edgar Hilsenrath gelingt in ‘Der Nazi & der Friseur’ scheinbar Unmögliches – eine Satire über Juden und SS ein blutiger Schelmenroman, grotesk, bizarr und zuweilen von grausamer Lakonik, berichtet von dunkler Zeit mit schwarzem Witz.«

DER SPIEGEL

»Der Nazi & der Friseur, ein großartiges Buch. Ein unglaublich unterhaltsames, lustiges Buch. Du lachst alle drei, vier Seiten, aber alle zehn Seiten bleibt dir das Lachen im Halse stecken.«

Jan Josef Liefers bei Elke Heidenreich in LESEN

»Diesen blutbesudelten ‘Hans im Glück’ mit seiner Goldlast durch die Zeiten zu bringen, diesen grauslichen Max Schulz als Itzig Finkelstein in Israel durch seiner Hände – nicht seiner Mörderhände – Arbeit zu bescheidenen Wohlstand, zu seiner dicken Mira zu bringen, da will das – und wenn sie nicht gestorben sind – nicht so recht heraus. Das Gruselspiel war ja kein Spiel, es ist durch Hilsenrath wirklich geworden, und es hat sie ja wohl doch gegeben – oder? – diese Nazis, die getan haben, wovon keiner gewußt, was keiner gewollt, und wenn man alles vergessen sollte: die Goldzähne und die, die sie einmal getragen haben, vergißt man nicht, wenn Schulz-Finkelstein da im Wald der sechs Millionen spazieren geht.«

Heinrich Böll