Pressestimmen:

Das erschütternde Buch hält ein erschreckendes Gleichgewicht zwischen dem Anschein von Normalität und der Brutalität und Gewalt in der Familie. Es ist nur zu begrüßen, dass das 1994 unter dem Titel »Nichts als das« erschienene Buch noch einmal veröffentlicht wurde - ganz unabhängig von den aktuellen Bezügen. Treffende und gleichzeitig lapidare Worte Nos schließen das hervorragend lesbare und empfehlenswerte Büchlein und verweisen gleichzeitig auf die Übertragbarkeit der Handlung an jeden elenden Ort: »Und im Ferienlager wurde er gefragt, wo er eigentlich herkäme. Aus Elend, antwortete er. Da lachten alle. Aber eigentlich fiel es nur selten jemandem auf, welche Bedeutung dieser Name hatte.


Thomas Neumann, literaturkritik.de


Mittelgebirgselend

von Burkhard Spinnen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.1994

Vater erziehen: Eine Kindheitsgeschichte von Christoph Brumme

Das Buch heißt  »Nichts als das«. Seine Hauptfigur heißt No. Das ist ein Junge, der im Verlauf des Textes älter wird; am Ende ist er vielleicht vierzehn. Er hat Geschwister, eine Mutter und, vor allem, einen Vater. No lebt in der DDR, in Elend. Den Ort gibt es, im alten Diercke Weltatlas, Karte Deutsche Mittelgebirge, liegt er südlich des Brockens, Luftlinie vielleicht vier Kilometer zu der Grenze, die der alte Diercke noch zeigt. Der Autor des Buches heißt Christoph D. Brumme, Jahrgang 1962. Mag sein, er hat in einem ersten Roman autobiographisches Material verarbeitet. Was geschieht in dem Buch? Verstörend wenig. »In der kargen, von großer analytischer Schärfe zeugenden Sprache entsteht durch No die DDR als Kindheitstraum.« Sagt der Klappentext. Und der hat recht, obwohl er auf eine falsche Fährte lockt.

Tatsächlich liegen die Gründe dafür, daß man das Buch beinahe mit Spannung liest, weniger in der Geschichte als in ihrer Darstellung, im Sprachlichen. Allerdings: zitieren sollte man aus »Nichts als das« besser nicht, Ausschnitte könnten nichtssagend wirken. Das Wesentliche und die Wirkung liegen im Ganzen, in einem kühlen, nüchternen, dabei doch immer wieder von scharfen Behauptungen und Urteilen gestörten Sprachklima. Das Buch konstruiert über weite Strecken ein kindliches oder heranwachsendes Bewußtsein aus einer gewissen Distanz, aber ohne Besserwisserei, intim, aber ohne falsche, anempfundene Naivität. Aufmerksamkeit für die vom Vater vorgeordnete Dingwelt, bisweilen auch für die Alltagsmythologie einer zerstrittenen Familie ersetzen vielfach die Introspektion in die problematische Innenwelt des Protagonisten. Und die negativen Urteile über No werden so subtil als das Sprechen anderer herbeizitiert, daß in der Schwebe bleibt, wieweit der Junge die Verdikte vor allem des Vaters bereits antizipiert hat.

Aber »Kindheitstraum« DDR? Wenn er »Nichts als das" war, dann gab es ihn nicht. Oder besser, nicht so, wie sich der Westdeutsche das ideologisch durchorganisierte Leben derer im Osten vorgestellt hat. Gelegentlich begegnen Russen auf dem Brocken, ein paarmal bricht der lächerliche Wahnsinn einer Suche nach »Grenzverletzern« durchs Einerlei. Wer Aufdeckungen verlangt, den muß das enttäuschen.

Wenn nun doch mehr DDR in »Nichts als das« ist, dann durch den Vater. Der ist entschieden problematischer als die Hauptfigur, und er ist so dominant, daß der Text sich zunehmend auf ihn konzentriert, ja um seinetwillen die Kindheitsgeschichte oft beinahe aufgibt. Dieser Vater, Jahrgang 1937, scheint auf den ersten Blick für nichts zu stehen, erst recht für keinen Staat. Nach mehreren Berufen schließlich ein geachteter Lehrer, ist er kritisch gegen alle Parolen, zu No bisweilen auch nachsichtig und sogar zärtlich. Indes unterwirft er seine Familie einer brutalen Alltags-Tyrannei, die immer wieder glauben macht, der Text sein nicht in der DDR der sechziger und siebziger Jahre, sondern ganz woanders angesiedelt. Das Erziehungs- und Herrschaftsmittel des Vaters aber sind Prügel; und diese Prügel kommen aus keinem System, aus keiner Ideologie. Sie erscheinen, wie fast alle Gewalt, ohne Begründung, als Absage an den Diskurs.

DDR in diesem Buch ist also vielleicht gerade die Abwesenheit eines regulativen Systems, einer korrigierenden Öffentlichkeit. Das Private existiert noch: doch nur als Abschottungsraum des Schrecklichen. Spät kann ein Bruder Nos sich mit Unterstützung der Behörden gegen den Vater durchsetzen, freilich nur, indem er sich verpflichtet, Offizier zu werden. Und No erhebt schließlich sogar einmal das Beil; daraufhin schlägt der Vater nicht mehr. Das ist, literarisch wie moralisch gesehen, kein recht organisches Ende einer Kindheitsgeschichte. Man dächte sich Emanzipation gerne anders. Ebenso wie das Ende der DDR.

 

In Elend

von Robin Detje, DIE ZEIT, 01.09.1994

»Nichts als das« - ein Erstling von Christoph D. Brumme

Das Kind heißt No; ein Junge. Drei Brüder, eine Schwester, der Vater Lehrer. »Nichts als das« lautet der Titel von Christoph D. Brummes Roman, der Nos Kindheit im Harz erzählt, in einem Dorf namens Elend an einem Fluß namens Bode (und in einem Staat namens DDR).

Nos Vater ist ein Sadist. Er prügelt seine Kinder nicht, er foltert sie, mit einem »Haselnußstock«, »am unteren Ende leicht geschwungen, da, wo Nos Vater den Stock anfaßte". Im Keller, »damit das niemand hörte«. »Wenn ich pfeife, sagte Nos Vater, hast du zu springen.« Der Vater pfeift. Der Sohn kommt nicht schnell genug. Der Vater schickt ihn zurück und pfeift wieder. Aber diesmal wartet er in einem anderen Zimmer. Der Sohn findet ihn nicht und kommt wieder zu langsam. Im Keller muß er im Dunkeln stehen und die Hosen herunterziehen, sobald der Vater kommt und den Haselnußstock schwingt.

Im Harz sind die Wälder düster. Soldaten warten auf Grenzverletzer. Urlauber brauchen einen Passierschein für jedes einzelne Dorf. Auf dem Brocken feiern die Hexen Walpurgisnacht. »Isegrimm« nennt der Vater die böse Schwester seiner Frau. Auf dem Treppenabsatz steht die Schwiegermutter und brüllt den Vater an: »Du hast den Teufel im Leib.« Bannflüche; auch der Sohn wird gebannt: »Weil er helle und krause Haare hatte, sagte seine Mutter, daß sie ihn im Krankenhaus verwechselt haben würden, nach der Geburt.«

Brutalität und Aberglaube. An den Wänden Sinnsprüche: »Wenn man alles haben könnt, / was man ohne Mühe fänd, / was man nie erreicht, / dann wärs leicht! // Doch man sieht allmählich ein, / man muß hübsch bescheiden sein. / Schweige und begnüge dich, / lächle und füge Dich." - »Er mußte", schließt No, »wirklich bescheidener sein.«

Gebannt wird das Kind vor allem durch die Sprache des Vaters, die es sprechen lernt: Menschen, die wenig sagen, nennt man »ruhige Vertreter, No selbst ist ein »falscher Fuffziger«. Tanzt der Vater durch die Küche, sagt man: »Das muß auch mal sein.« Die väterlichen Erziehungsversuche enden stets mit »einer vernünftigen Einigung": »No war vernünftig gewesen und hatte eingesehen, daß der Fehler bei ihm lag.«

Den Folterknecht lieben zu müssen, weil man kein Leben jenseits der Folter kennt, ist vielleicht der schlimmste Teil der Qual. No übt sich in Einsicht, weil er ganz ohne die Liebe des Vaters nicht überleben kann. Er versucht, seine unberechenbaren Winkelzüge vorauszuahnen, und trotzt der Kindheit (Schule und Arbeitsdienst, für den Vater Ziegelsteine schleppen und Nägel geradeklopfen) kleine Fluchten ab. Einmal träumt er, über den antiimperialistischen Schutzwall zu entkommen; aber hinter ihm winkt die Lehrerin: »Erst wenn er seine Hausaufgaben gemacht hatte, durfte er abhauen.«

Der Roman ist eine kurze Geschichte vom Verrat. Der Vater verrät seine Kinder; Nos älterer Bruder verrät den Vater, der sich in dumpf-staatskritischem Querulantentum übt, Briefe an die Regierung schreibt und die Erinnerung an Stalingrad in Ehren hält, und wird Offizier bei der Nationalen Volksarmee. Vor dem brutalen und sinnlosen Regime des Vaters bleibt nur die Flucht in das brutale, sinnlose Regime der Partei; aus dem engen Harzdorf ins enge Staatsdorf. Der Verlag schlägt das Buch in das Gemälde »Heimkehr der Jäger« von Pieter Breughel dem Älteren ein. Eislandschaft. Gefrorene Herzen.

»Nichts als das« ist keine Flucht, sondern ein Gegenangriff mit Mitteln der Sprache, ein kleines, ruhig und fein gearbeitetes Kunststück. Christoph D. Brumme beobachtet seine Hauptfigur von innen: Nos Qual, Nos Feigheit, am Ende Nos Mut. Es gibt keinen erleichternden Ausbruch von Wut oder Gewalt, keine Katharsis, nur Geschichten und Anekdoten. Berichtet wird auch, nebenbei und so undramatisch wie möglich, wie No die Axt gegen den Vater erhebt: »Seitdem schlug er ihn nicht mehr.« Die Veränderung bringt keine Erlösung. Erst auf der letzten Seite des Buches denkt No daran, daß sein Heimatdorf Elend heißt. "Aber eigentlich fiel es nur selten jemandem auf, welche Bedeutung dieser Name hatte.«

Ob es No wirklich auffallen wird, ob er aus dem Eistal entkommt, bleibt offen. Man ahnt nur, daß er sich befreien könnte, wenn er das richtige Wort fände, sein Leben zu benennen. Wenn er den Bann bräche mit einem Fluch.

Wer weiß, wie autobiographisch dieser Roman ist - und wer weiß, ob und was der Autor nach diesem schmalen, fast zu sicher in sich ruhenden Band noch schreibt. Über ihn verrät der Klappentext nur: »Christoph D. Brumme lebt als freier Schriftsteller in Berlin.« Als freier Schriftsteller - als einer, der so frei ist, das Elend Elend zu nennen.

 

Wildnis Deutschland

von Hans-Joachim Neubauer, die tageszeitung, 07.05.1994

»Kalte Familienrituale in Christoph Brummes Debütroman einer ostdeutschen Jugend«

... In dieser Enge kreist alles um den einen, den Vater. Von ihm geht alle Macht aus, er hat das Sagen und beherrscht die Sprache, was der Roman von Beginn an zeigt: »Nos Vater trat an den Tisch. Nos Mutter blickte auf und sagte: Er will nicht lesen lernen. Du willst nicht lesen lernen? fragte Nos Vater. Das wäre doch gelacht. Lesen mußten wir alle lernen.« Bei jedem Fehler boxt der Vater No »in die Seite, mit den Knöcheln der Faust unter die Rippen, dahin, wo es weich ist.« Das Prügeln prägt die Schrift in den Körper.

Sprache und Strafe durchziehen das ganze kurze Buch. Der Junge lauscht den Wörtern nach, der Vater vollzieht sachlich die elenden Rituale des Mächtigen: "Eine Tracht Prügel kam nicht aus heiterem Himmel. Sie begann mit einem Pfiff. Nos Vater pfiff. Das hieß: Herkommen« So lebte die Familie am Brocken.

(...)

Keine Zeit bringt hier mehr Rat. Es gibt kein Ganzes, nur dieses erregende Ineinander von Worten und Bildern, Gerüchen, Stimmungen und stillen Zimmern am Nachmittag. Über allem aber der Vater. Immer bleibt er sich treu, auch im Spiel als bergsteigender Indianer, und nur in Klammern darf der Sohn seinen Namen unter den des Vaters ins Gipfelbuch schreiben. Wenn der Vater mit dem Sohne, dann hat er das Sagen, was er genau weiß und auch in Szene setzt. »Soll ich dir beim Nachdenken helfen? Oder kommst du alleine drauf? No wußte nicht, worauf er kommen sollte. Manchmal hatte er etwas getan, von dem er wußte, daß es sein Vater herausbekommen hatte.« Man sieht die ganze Banalität des Bürgers mit den Augen des Sohnes, von unten und sehr genau. »Sein Vater legte ihm die Hand in den Nacken, zog ihn an sich, und das war eine Umarmung.« Nos ganzes Leben ist auf den Vater fixiert: der eigene geschlagene Leib, jeder Punkt am Wegrand, Räume, Geräusche und Gerüche, alles ist besetzt von ihm, alles erzählt von ihm.

Väter sind Stellvertreter, und hinter diesem liegen Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus, der Krieg. Der literarische Blick auf diesen Sohn seiner Zeit leuchtet die Abgründe aus, die die Geschichte Deutschlands vor der Teilung der beiden Hälften überließ, Seelenschrott, ein Erbe, das um so gruseliger wirkt, als es aus der klaren Sicht eines Kindes gezeigt wird. (...)

All das ist einfach da, eine karge, sehnsüchtig machende Welt, die soviel von Ganzdeutschland zeigt und von seinen Einwohnern, denn auch der Osten ist nur eine Antwort auf die Zeit, aus der der Vater kommt; das ist die eine, verzweifelt deutsche Geschichte. Um so absurder, daß die Feuilletons immer auf den »großen gesamtdeutschen«, geschichtsverdauenden Roman warten, als hätten sie das nicht begriffen. Christoph Brumme schert das wenig, er begründet nicht und löst nichts auf. Im strikten Nebeneinander seiner kurzen Sätze ist das parataktische »und« die häufigste Konjunktion, sind Reihen und Wiederholungen die wichtigsten Stilfiguren. Das genügt und ist stärker als jeder Symbolismus, als alles Bedeutenwollen.

 

Nichts als das - Christoph D. Brummes eindrucksvolles Debüt

von Sieglinde Geisel, FREITAG, 02.09.1994

Kann es nach dem Verschwinden der DDR noch DDR-Literatur geben? Bei Christoph D. Brumme erscheint die DDR - im nüchternen Blick eines Kindes - als vieldeutige Metapher. Das Kind mit Namen No versteht nicht, erklärt nicht - es nimmt nur wahr, ganz ungestört, denn No ist allein. Nicht einmal der Erzähler ist auf seiner Seite.

No wächst in einem Landstrich auf, der seit der Walpurgisnacht in Goethes »Faust« nicht mehr ganz geheuer ist: Auf dem Brocken zwischen Elend und Schierke tanzten einst die Hexen. Tiefstes Deutschland: Vor nicht allzulanger Zeit verlief hier im Harz die empfindliche Grenze der beiden deutschen Staaten - in Brummes Roman rückt diese Zeit in eine gläserne Ferne. No lebt tatsächlich in jenem Dorf namens Elend, zusammen mit seiner Familie, die noch namenloser ist als er selbst: Vater, Mutter, der älteste Bruder, der ältere Bruder, die Schwester, der jüngere Bruder. No bewegt sich, wie alle Kinder, als Fremdling in einer Welt, die er erst entdecken wird. No ist ein Nobody, ein Kind ohne Eigenschaften, noch jenseits von Gut und Böse. »No war eine Schachfigur, ein Springer nämlich. Er hatte ein Pferdegesicht und ein aus Holz geschnitztes Maul." Der hakenschlagende Springer allerdings ist die unberechenbarste aller Schachfiguren: eins grad, eins schräg. »No war ein falscher Hund, ein falscher Fuffziger: mal so und mal so. Er konnte jederzeit das Gegenteil von dem sagen, was er gerade gesagt hatte.«

Nos Vater ist ein professioneller Erzieher: Als Lehrer hat er Psychologie studiert (»Das war eine Wissenschaft, mit der man lernte, wie es in Kindern innen aussah.«) und lehrt seine Kinder mit kalter Konsequenz das Prinzip Unterwerfung. Wutausbrüche oder Jähzorn gibt es bei ihm nicht: Im Gegensatz zur ständig heulenden Mutter ist ihm der Ärger nie anzumerken. Seine Erziehungsmethoden - zutiefst protestantisch deutsch - folgen kühler Berechnung. Wie das Schachspiel, das er der ganzen Familie beigebracht hat.

»Wenn No etwas kannte, dann den Stock. (...) Mit diesem Stock bekamen No und Nos Brüder öfter mal eine Tracht Prügel, wenn es nötig war, wie Nos Vater sagte. Es war oft nötig, eine Zeitlang sehr oft, eine andere Zeitlang weniger oft, aber immer noch oft genug.« Nötig ist es dann, wenn das Kind »Fehler« macht. In der pädagogischen Dialektik von richtig und falsch geht alles auf, ohne Rest, folgerichtig behält Nos Vater immer recht. Einzig Nos Brüder machen ihm Vorwürfe, als sie das Haus verlassen - der unsichtbare Erzähler dagegen hält sich raus. Ja es scheint gar, als stünde er auf der Seite des Vaters, zum Beispiel an jenem Neujahrsmorgen, als No seinen Eltern ein frohes neues Jahr wünschen will, nachdem er mit Knallerbsen den Teppich ruiniert hat. »Sein Vater holte aus, schlug zu, das saß. No flog mit dem Kopf gegen die Wand, neben den Kleiderständer. Benommen blieb er liegen. Das hatte er nun davon, daß er nicht achtgegeben hatte.« Der letzte Satz klingt nach - so leise kann man rohe Gewalt erzählen. Der Schreck darüber hinterläßt im Text keine Spuren - er entsteht, mit Zeitverzögerung und um so wirksamer, im Kopf der Leser. Mit sanftem, kühlem Sog fließt diese Prosa von Szene zu Szene, sorgfältig komponiert, ohne Lücken für das Mitgefühl.

Sprechen ist eine Gratwanderung. Das erfährt No nicht nur in den spitzfindigen Dialogen mit dem Vater, sondern auch in der ewiggleichen Antwort der Mutter auf seine Kinderfragen.

Was fragst du?

Also ob er nicht fragen durfte.

Ich frage nur so.

Nur so fragt man nicht. Irgendwas willst du doch.

Ich will nichts.

Dann frage nicht.

Mit minimalen Mitteln zeichnet Christoph D. Brumme totalitäre Strukturen nach - so spiegelt der Vater-Sohn-Konflikt, im Kleinformat, ein intimes Portrait der DDR. Obwohl er ihn haßt, ist für No kein anderer Vater, keine andere Welt denkbar (außer in den Büchern, in die er sich hineinliest). Die Wörter »dürfen« und »müssen« haben einen geradezu magischen Klang, in dem die totale Autorität des Vaters nachhallt. Es gibt keine Utopie - weder für No noch für Nos Vater, der zwar »einen Rochus« auf die Kommunisten hat, als Staatsbürger die Spielregeln der DDR jedoch niemals hinterfragt, im Gegenteil: Seit Jahrzehnten sammelt er Zeitungsartikel, um die Falschspieler der Regierung zu überführen: »Was die alles versprochen hatten und natürlich nicht einhielten!«, ärgert er sich und rechnet anhand des Erdbeer-Himbeer-Sirups pedantisch die Preiserhöhung nach, von der offiziell nicht die Rede sein darf.

Brumme ist in seinem Erstling das Schwierigste gelungen: eine reine Prosa, die einfach erzählt. Alles geschieht zur rechten Zeit, wie in einem Dokumentarfilm, souverän in Kameraführung und Schnitt. Unmöglich zu sagen, wie die Ironie in den Text gelangt. Sie ist so raffiniert hineingewoben, daß sie die düstere Erzählung nicht bricht, sondern in ein heiteres Drama verwandelt: eine Kunstwelt, die nur dem Eigensinn der Ästhetik gehorcht. Moralische Fragen (etwa nach der Schuld des Vaters) oder psychologische Mutmaßungen (etwa über die emotionalen Schädigungen der Kinderseele) stehen außerhalb des Romans. Der Vater kann als Erzieher genausowenig schuldig werden, wie er es als Schachspieler könnte. No bleibt ein Niemand, mit dem man nicht mehr Sympathie empfindet als mit einem Versuchstier: Er bleibt einsam, ohne zu wissen, was Einsamkeit ist - ein literarischer Einzelgänger ohne Vorbild.

No hat seinem Vater eines voraus: eine eigene Zukunft. »No wurde älter. Das ließ sich nicht vermeiden, weil er nicht tat, was er seinen Eltern angedroht hatte: daß er in die Bode springen würde.« Das letzte Kapitel ist ein Scherzo, in dem sich No aus der Welt der Autoritäten davonmacht. Nichts leichter als das. Damit hat Brumme auch die letzte Klippe überwunden, an welcher dieser lichte Roman ins Larmoyante hätte abstürzen können.

Der Erzähler, der seinen Standort nicht preisgibt, offenbart seine Haltung im Stil: in der Behaglichkeit, mit der er die böse Mär aus dem Elender Grenzland erzählt, als müßte all das so und nicht anders sein. Ein literarisches Debüt von diesem Format ist - gerade angesichts de allseits ausdauernd beklagten Flaute in der deutschen Gegenwartsliteratur - ein Ereignis. Genau dies könnte dem Buch im gehetzten Literaturbetrieb allerdings zum Verhängnis werden: Es wäre nicht das erste Mal in der Literaturgeschichte dieses Jahrhunderts, daß ein Autor, der das Mittelmaß hinter sich läßt, dem Horizont der Literaturkritik entschwindet.

 

Wo jedes Gespräch mit dem Vater zum Verhör wird

von Bruno Preisendörfer, DER TAGESSPIEGEL, 11.09.1994

Elend oder Eine Kindheit im Harz - auf der Seite des Zauns, wo die Schüsse gefallen sind

Lesenlernen in Elend? Elend liegt im Harz, im »Zonenrandgebiet«. Aber auf der Seite des Zauns, auf der geschossen wird. Die Mutter: »Seine Mutter hielt seinen Zeigefinger. Sie führte seinen Zeigefinger unter den Buchstaben entlang. Lies! sagte sie. No las nicht. Du sollst lesen. No beugte sich etwas vor, als würde er jetzt die Buchstaben sehen. Seine Mutter wartete. Sie preßte seine Finger mit ihren Fingernägeln. Sie hatte scharfe Fingernägel. Lies! No las nicht.«

Elend kommt aber nicht von Elend. Elend kommt von ellende, was Fremde bedeutet. Die elende Fremde der Kindheit? Der Vater: »Nos Vater pfiff. Das hieß: Herkommen! No stürzte zu seinem Vater hin. Das tat er, so schnell es ihm möglich war. Das war aber nicht schnell genug. Herkommen hieß: sofort herkommen, nicht gleich. Gleich war nicht schnell genug. Ja? sagte No, als er vor seinem Vater in der Küche stand. Was ist? fragte Nos Vater. Ich soll kommen, sagte No. Du sollst kommen. Ja. Und wie schnell sollst du kommen? No sagte nichts.«

Nos Vater ist Lehrer. Ein verbitterter, kaltgestellter Pädagoge, der das SED-Regime haßt und sich für dumm verkauft fühlt, permanent von Staats wegen übertölpelt. Und bevormundet wie ein Kind. Aber er macht sich dem gleich, was er verachtet. Er spielt in der Familie, gegen die Frau und gegen die Söhne, eben die Rituale der Macht als Sieger nach, durch die er außerhalb seiner vier Wände gedemütigt wird. Seine Rebellionen gegen den sozialistischen Vormundschaftsstaat, der sein Sorgerecht über die Untertanen auch mit Waffengewalt geltend macht, sind kleingeistig, pedantisch und verbohrt ins Ressentiment. Wie sein rechthaberischer und minutiös kalkulierter Strafvollzug an den Söhnen.

Vor einem solchen Vater gibt es in einem solchen Staat kein Entkommen. Nur ein Überlaufen. Nos »zweitältester Bruder« flieht vor den Schlägen des Vaters aus dem Dorf. Er wird später Offizier, ein bewaffneter Arm des Staates, in dem der gestrafte Lehrer und abstrafende Vater gefangen ist.

Christoph D. Brumme, einer der Stillen vom Prenzlauer Berg, einer, der sich mit seiner Person hinter die Texte zurückzieht, erzählt Kindheit in einer Sprache, die dem sich noch formenden kindlichen Weltverständnis angeschmiegt ist. Einfach, klein und protokollarisch genau. Er bildet die mitunter ins Zeremonielle verstiegenen Sprechgewohnheiten der Erwachsenen ab und zeigt, wie sie für Kinder ihren Sinn verlieren - oder manchmal erst gefährlich deutlich zum Ausdruck bringen, wenn die Drohungen in den kindlichen Ohren die Floskeln übertönen, in denen sie versteckt sind. In vielen Dialogen zwischen No und seinem Vater - diese Dialoge sind in Wahrheit fast immer Verhöre - wird die allmähliche Überwältigung der Kindersprache und der Kinderlogik durch den gewalttätigen sprachlichen und gedanklichen Ordnungssinn des Vater demonstriert. No zieht sich auf die hinterste Linie einzelner Worte zurück, schweigt und wiederholt gezwungen die als Formulierungsvorschläge verschleierten Befehle des Vater. In anderen Passagen läßt Brumme Kindersätze auftreten. Auch so sieht die Welt aus, auch so kann man von ihr sprechen.

Artistisch nachgeahmter Kindermund läuft Gefahr, ins Infantile zu kippen, das Kindliche kindisch zu machen. Brumme geht ihr aus dem Weg, meistens jedenfalls, indem er ausreichend Abstand hält, sich weder psychologisierend hineinheimelt noch mit Autorität hineinhockt in die Seele seines No. Der Autor macht sich nicht breit in seiner Figur, aber er läßt sich von ihr auch nicht überwältigen. Er macht einfach schöne Worte über eine unschöne Wirklichkeit.

Brummes Kindheitserzählung ist exemplarisch. Es ist nicht nur die von No, dem eigentlich namenlosen Helden, von no-body, niemand und der eine, der für die vielen steht, die wie er beengt und bedrängt und bedrückt aufgewachsen sind. Nicht nur im Grenzgebiet auf der einen Seite. Und auch nicht nur im Grenzgebiet auf beiden Seiten. Deshalb ist die von Brumme aufgeschriebene Geschichte von einem in der Kindheit Gesperrten keine zu spät gekommene DDR-, sondern gültige deutsche Literatur. Dieser Text hat nichts Nachgereichtes. Er zeigt einer ganzen Generation von auf dem Land aufgewachsenen 30- bis 40jährigen, wie sie geworden sind. Manchmal faßt man es nicht: so schlimm war das? Ja, so schlimm.

 

Heimische Machtspiele

von Holger Jens Karlson, DIE WOCHENPOST, 03.11.1994

Junge Ost-Autoren: private und ganz private Eindrücke

... Brummes Psychogramm einer Gesellschaft, die am Rande der ostdeutschen Welt existiert, nämlich an der innerdeutschen Grenze, ist erstaunlich. Durch die akribische Beschreibung vieler Details - vom Fußballspiel über den Schulalltag bis zur väterlichen Zeitungslektüre - formt er das Bild einer DDR-Gemeinschaft, ohne sie gänzlich enträtseln oder gar denunzieren zu wollen. Der Vater, ein vom Gärtner zum Oberschullehrer aufgestiegener Kleinbürger, wird nicht nur als Haustyrann mit ausgeklügeltem Disziplinarsystem geschildert, er ist auch - zumindest im privaten Raum - wortstarker Regimekritiker, der die »deutsche Ehre« der Stalingradopfer verteidigt, und die »Lügen der Kommunisten« entlarvt. Den Dialog zwischen DDR-Staat und Bürger konnte man so authentisch noch nirgendwo nachlesen: Machtspiele mit beiderseits begrenztem Risiko.

Brummes Text erlaubt einen Blick in das Innerste einer (teilweise noch immer) ge- und verschlossenen Gesellschaft, deren Widerspruch er nicht erklärt, sondern darstellt: Im privaten Raum wird politisiert, werden äußere Herrschaftsstrukturen reproduziert. Wer wie der Protagonist des Romans, ein Junge mit dem sprechenden Namen No, am Unterricht nicht teilnimmt, dem wird »passiver Widerstand« unterstellt. Umrisse eines selbstinszenierten Feindbildes werden sichtbar. Brumme ist die Diagnose einer Gesellschaft gelungen, deren Machtapparat in der Tatenlosigkeit der Bürger keine Angriffsfläche findet.


Presseresonanz nach Erscheinen von No (Nichts als das) 1994