Pressestimmen:
»Völlig zu Recht wird Edgar Hilsenrath mit dieser sehr gut gemachten Werkausgabe im Dittrich Verlag nun doch zu einem Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur.«
Martin Sander, Deutschland Radio Kultur
Wer die Gesammelten Werke der Reihe ihres Erscheinens nach gelesen hat, wird in diesen Texten deshalb auch des Öfteren Déja-vu-Erlebnisse haben - was jedoch keineswegs ermüdend ist. Diese durchschnittlich fünf, einmal aber auch gut 30 Seiten umfassenden Texte erden Hilsenraths Romanprosa, stellen sie gleichsam auf die Füße jener Wirklichkeiten, wie sie der Autor entweder rückblickend erinnert oder in die jeweils aktuellen Zeitbezüge stellt. Und das mit einer selten authentisch glaubwürdigen Verve und hinreißend treffsicheren Zuspitzung.
So ist dieser Band auch durchaus als Appetit weckende Einstiegslektüre zu empfehlen, die bereits das breite Themenfeld und die sprachliche Kraft des Autors vorzustellen vermag. Sein Erleben des Holocaust, das Erleben in der jüngeren Vergangenheit mit Neonazis, die seine Lesungen zu stören suchten, seine Emigrationserlebnisse in Israel und den USA und last, but not least seine unsäglichen Erfahrungen mit einigen seiner früheren Verleger - und das alles mit einer noch heute verstörenden Sicht darauf, die jeder Erwartung und jedem Klischee Hohn spricht, und, es kann nicht oft genug gesagt werden, in einer Sprache, deren Ausdrucksreichtum einen in jeder Hinsicht mitzunehmen weiß.
Wohl denen, die Edgar Hilsenraths Gesammelte Werke erst noch zu entdecken haben - ihnen stehen immer wieder aufs Neue überraschende Glanzlichter der Literatur bevor, die auf die längst fällige Auszeichnung durch das Nobel-Komitee warten. ( Ulrich Karger - www.buechernachlese.de.vu )
Ulrich Karger - www.buechernachlese.de.vu
Es sind überwiegend biografische Selbstauskünfte, die dieser letzte der insgesamt zehn Bände umfassenden Werkausgabe von Edgar Hilsenrath versammelt. Essayistische Artikel, Buchbesprechungen, aber auch Prosapassagen runden diese spät gekommene, dafür um so verdienstvollere Präsentation eines der wesentlichen Autoren der deutschen Literatur ab.
Auch in diesen Texten treten die zwei stilistischen »Hauptschlagadern« Hilsenraths deutlich hervor: Einerseits eine pure, nach höchster Klarheit strebende Sprache, die die Gedanken und Haltungen bündig formuliert und sich ihrer damit auch vergewissert. Man darf das nicht mit einer banalisierenden Einfachheit verwechseln.
Denn etwa jene aus den Romanen bekannten Frage-Antwort-Spiegelungen, die sich auch in dieser Prosa finden, verweisen in erster Linie auf den hinter dem Text liegenden schmerzhaften Prozess des Durchdringens, des Zu-Sich-Kommens. Am deutlichsten wohl in einem Text mit dem Titel »Das Gesicht des Fremden trägt meine Züge« (1981).
Das Ich erschafft sich ein Gegenüber, weil es nur mit Hilfe einer solchen »Verdoppelung« in der Lage ist, seine traumatischen Erinnerungen wachzurufen. Da geht es um die Jahre in Halle (Saale), die der jüdische Junge in äußerst feindseliger Umgebung verlebt und die erst ein Ende haben, als der Vater die Familie zu seinen Eltern in die (rumänische) Bukowina schickt. Das dort vorgefundene Paradies - jüdische Bevölkerungsmehrheit, Deutsch als hauptsächliche Umgangssprache - währt aber nur kurz.
Im Zuge des Zweiten Weltkriegs erfolgt die Deportation in ein Ghetto in der Ukraine. Das Überleben, die Flucht nach Palästina, dann in die USA, die Rückkehr nach Deutschland und der Beginn des Schreibens verdichten sich in diesem biografischen Dialog mit sich selbst zu einer intensiven Jahrhundert-Erfahrung.
Aus dieser Erfahrung ergibt sich die zweite literarische Hauptlinie Hilsenraths. Dieser Stoff des Lebens enthält die gräulichsten Untaten, zu denen sich die Menschheit befähigt gezeigt hat, also eigentlich Unfassbares. Dass das Geschehene unfassbar ist, aber doch zu einer Gestaltung drängt, führt bei Hilsenrath zur Groteske, zur Satire.
Immer hat das für Verstörungen gesorgt wie in seinem großem Roman »Der Nazi & der Friseur«, aus dem in diesem Band eine später nicht verwendete Passage abgedruckt ist. Der deutsche Massenmörder, der gleichsam als Vorzeigejude in Israel Karriere macht, das hat eine Öffentlichkeit, die mühselig begonnen hatte, sich an die Erinnerungen heranzutasten, deutlich irritiert.
Eine kurze Szene aus diesem Band, »Die Palästinenser« (bisher unveröffentlicht), macht deutlich, dass es bei solchen Überhöhungen neben Erinnerung und Mahnung immer auch um das Aufwerfen und Ergründen einer letztlich universellen Frage geht: Wie kommt dieses absurde Verhängnis in die Welt, dass Menschen gegen ihresgleichen Gewalt anwenden?
Und deren Austragungsort war in erschreckendem Ausmaß der Holocaust, es war aber auch der Massenmord der Türken an den Armeniern - bei Hilsenrath Gegenstand des Romans »Das Märchen vom letzten Gedanken« - oder eben der israelisch-palästinensische Konflikt.
Wie fragil ein Zustand der Gewaltlosigkeit sein kann, davon handelt die Titelerzählung. Sie beschreibt die Umstände von Lesungen, die den Autor Ende der 70er Jahre in einige Städte in Nordrhein-Westfalen führten, wo die massive Präsenz von protestierenden und offenkundig gewaltbereiten Neonazis fatal jene Atmosphäre reproduzierte, die schon die Kindheit dieses Autors geprägt hatte.
Gregor Ziolkowski, DEUTSCHLANDRADIO KULTUR
Wie zu erwarten überzeugt Hilsenrath mit seiner Satirefähigkeit, seinem pointierten Schreibstil und seiner starken Sprache. In vielen Episoden kommt der Leser dem jüdischen Autor, der heute in Berlin lebt, ein ganzes Stück näher. Sei es, wenn Hilsenrath mit sich als der »Fremde« über seine Jugend und die Zeit im Ghetto spricht, wenn er mit seinem Bruder auf eine Reise zurück ins »Verschwundene Schtetl« geht - seine ehemalige Heimat in der Bukowina - oder wenn er in einem sehr persönlichen Text über seine Hingabe zu Remarque schreibt.
Zu den Höhepunkten gehört der Briefwechsel zwischen einem Kriegsverbrecher-Jäger und seinem grotesken Roman-Helden, dem NS-Massenmörder Max Schulz, der nach dem deutschen Nationalsozialismus die Identität eines Juden annimmt und als Friseur in Israel weiterlebt.
Für Hilsenrath-Kenner ist sein neuer Band ein Rückblick mit vielen neuen Perspektiven auf sein Werk, für Hilsenrath-Neulinge ein prägnanter Appetizer und für Hilsenrath-Liebhaber ein Muss.
Christian Mathea, LAUSITZER RUNDSCHAU