
- Erscheinungsdatum: 15.03.2007
ISBN 9783937717241
312 Seiten, gebunden
Preis: 22,80 €
Anne Dorn Siehdichum
Roman
Buchbeschreibung
Das Walddorf Siehdichum ist die letzte Station der Reichsarbeitsdiensteinheit 3/401 XL Warthegau Ost. Es sind rasch einberufene Sechzehnjährige, die am 26. Januar 1945 von der russischen Sturmspitze überrollt und nach authentischen Berichten »vollkommen aufgerieben« werden. Den Ortsnamen Siehdichum versteht die 75jährige Martha Lenders, Schwester eines dieser spurlos verschwundenen Jungen, auch als Aufforderung, sich am Ende ihres Lebens wie auf dem Gipfel eines Berges umzusehen und die Rollen, die ihr das Leben als Frau und Mutter zugedacht hat, zu hinterfragen. Sie befindet sich im Jahr 2000 auf Spurensuche in Polen, wo Häuser, Straßen und Lebensart ihrem sächsischen Zuhause, wie sie es mit dem Bruder erlebt hat, verblüffend ähneln. Ein Professor für Geschichte aus Warschau und ein Filmemacher aus Posen werden zu Helfern. Sie lässt ihren Rückflug nach Deutschland verfallen, durchstreift mit einer polnischen Studentin die großen Wälder, findet dank sehr besonderer Zeitzeugenberichte einzelne Punkte, an denen sich Dramatisches abgespielt hat, aber der letztmögliche Ort, an dem ihr Bruder sein Leben verloren haben könnte, hält sich vor ihnen verborgen. Zurückgekehrt ins Rheinland, in dem sie seit Kriegsende lebt, bleibt für die suchende Schwester die Spur des Bruders verwischt. Die polnische Studentin bringt unerwartet neue Nachricht. Martha muss sich nun das Ende ihres Bruders noch genauer und grausamer ausdenken als bisher und streikt vor dieser Aufforderung …
Pressestimmen
Ein wunderbares Buch, das schreckliche Vergangenheit mit Gegenwart verknüpft. Ein wunderbares Buch auch vom Altwerden, vom Altsein. Martha ist am Ende glücklich. Und sie hätte so viel Grund zu klagen. Sie ist von Schmerzen geplagt, kann kaum gehen, ihre Kraft ist begrenzt und sie hat noch so viel vor. Sie ist glücklich einen Freund in Polen zu haben, der ihr Handeln versteht. Eine Geschichte ohne Sentimentalität, denn Martha ist hellhörig und selbstkritisch. Sie hinterfragt ihr Tun ständig, legt sich selbst Rechenschaft über ihre wirklichen Intentionen ab. Sie durchschaut sich und mag es oft nicht wahrhaben.
Eine dichte Atmosphäre umfängt den Leser, Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, Einsamkeit und Hoffnung ergreifen ihn. Man liest eigentlich nicht, man wird hineingezogen und lebt mit.
Dorothee Pfennig, E&W Niedersachsen
Frau Dorn, Ihr Roman ist mir sehr ans Herz gegangen …
und ich freue mich auf Ihr nächstes Buch.
Janine Strahl-Oestereich in LEIPZIGER BUCHNACHT, 3sat
“Der rätselhafte Name des Ortes “Siehdichum”, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist, ist für Martha Lenders geradezu ein Lebensmotto. Sie ist eine moderne Mutter Courage, die über der Vergangenheitsrecherche die Gegenwart nicht vergisst und die eigenen Kinder ebenso aktiv wie kritisch in ihre eigene Arbeit einbezieht.
Das Ergebnis ist aber kein autobiographischer Reisebericht aus Polen. Anne Dorn hat einen Roman geschrieben, in dem es um das exemplarishe der Suche nache dem verlorenen Bruder geht, ein Buch über eine “Gedankenreise” auch, die fremde Erinnerungsräume erschließt und neben der Zukunft auch die “schwere Niederlage alles Gegenwärtigen unter dem Druck des Erinnerns” in Kauf nimmt.
Bonner General Anzeiger
Die Vielschichtigkeit der Handlungen und Figuren und die Fülle von Themen über die man Nachdenken kann, haben mich tief beeindruckt.
Dr. Hermann Kinder, Akademischer Rat für Germanistik und Literatursoziologie der Universität Konstanz
Über zehn Jahre arbeitete Anne Dorn an dem Roman Siedichum. Die Schriftstellerin verknüpfte gekonnt Erinnerungen an die eigene Kindheit in Sachsen nicht nur mit Eindrücken von vier Recherchereisen in das heutige Polen sondern auch mit historischem Material. Anne Dorn hat Siehdichum nicht nur stellvertretend für ihren kleinen Bruder geschrieben. Ihr gelingt es auch für all die Menschen zu schreiben, die durch Krieg, Flucht und Vertreibung ihre innere Heimat und ihre Sicherheit verloren haben. Sie reflektiert bewegend und in einfacher, klarer Sprache über Verlust, über Schuld, Schmerz und Trauer, und es ist trotzdem ein versöhnliches Buch geworden.
WDR5
Die Geschichte, die die Schriftstellerin Anne Dorn in ihrem Roman “Siedichum” erzählt, trägt biografische Züge. Die Reise nach Polen, die Recherche in den Archiven und vor Ort, um Hinweise auf den Verbleib des vermissten Bruders zu finden. Trotzdem ist ihr Buch keine Autobiografie, sondern ein kunstvoll gebauter Roman, der verschiedene Textsorten miteinander verquickt: Berichte von Zeitzeugen, amtliche Dokumente, fiktionale Briefe, Prosa und Poesie.
…
Ihr Roman ist eine behutsame Erkundung eines schwierigen Kapitels binationaler Geschichte, das weiterwirkt bis in die Gegenwart. Ihre Protagonistin Martha Lenders ist vorsichtig, denn sie weiß um die Gründe für die Empfindlichkeiten ihrer polnischen Gastgeber. Aber die Autorin erzählt auch von der anderen Seite: von den Deutschen, die nach dem Kriegsende in polnische Gefangenschaft gerieten, von Lagern, die es offiziell gar nicht hätte geben dürfen und in denen viele Männer starben. Auch heute noch ein heikles Thema.
…
Die einfache, klare Sprache Anne Dorns, fast durchgängig im Präsens geschrieben, ist manchmal von einer überraschenden Direktheit, der Leser glaubt, neben Martha Lenders zu stehen, auch wenn Dorns auktoriale Perspektive Distanz zu ihr wahrt. Zu ihrer höchsten Verdichtung und poetischen Kraft findet Dorns Sprache in den Naturdarstellungen, die die innere Verbindung der Autorin mit dem Beschriebenen anklingen lassen.
Am anrührendsten ist dieses Motiv in einer zarten Liebesgeschichte am Ende des Romans aufgegriffen. Zwei alte Menschen fragen sich plötzlich, wie es wäre, nicht mehr allein zu sein, wie es sich anfühlen könnte, noch einmal eine Zugehörigkeit zu spüren. Jenseits von allem Kitsch beschriebt Anne Dorn diese tastende Szenen und teilt ihren jüngeren Lesern indirekt mit, dass die Befangenheit und Befürchtungen im Alter nicht nachlassen.
Anne Dorn hat sich noch einmal umgesehen, hat die Kraft der Erinnerung mit der Offenheit für das Gegenwärtige verbunden – und sie ist fündig geworden.
Elke Biesel, DLF-Büchermarkt
Historisch genau beschreibt Anne Dorn die letzten Kriegstage in Polen. Wie Deutsche, Russen und Polen sich gegenseitig jagten. Und sie beschreibt das Unfassbare, in lakonischer Sprache und mit einfachen Worten. …
“SiehDichUm” ist ein stilles Buch, das mit seinen eigenwilligen Verknüpfungen von Gegenwart, Erinnerung und Gedachtem in seinen Bann zieht.
Marthas Reise, die nach Polen und die in die Vergangenheit, bleibt eigenartig in der Schwebe. So wie Johannes´ Tod nur vermutet, aber nicht abschließend bewiesen werden kann, verläuft sich auch Marthas Geschichte. Und lässt dem Leser damit Raum, nachzufühlen, wie wohl jemand empfindet, der auf ewig verlassen worden ist.
Jenny Clemens, NDR Kultur
“Siehdichum” ist ein melancholisches, oft einfach trauriges und wehmütiges Buch über das Altern, über die körperlichen Beschwernisse der späten Jahre und die erlittenen Verluste. Über Erinnerungen und Verletzungen, denen man sich stellen muss, wenn man denn zurückblicken möchte.
Marta Lenders will nicht nur etwas über den Bruder wissen, bevor sie wirklich um ihn trauern kann, sondern sie will sich in ihrem eigenen langen Leben umsehen und entdecken, was sie versäumt oder gefunden hat. Dass sie auf der Reise zu sich selbst intensive Begegnungen in Polen hat, in denen die Verheerungen der Nazizeit, Schuld und Versöhnung, eine wichtige Rolle spielen, passt unangestrengt in Dorns gradlinige Erzählweise. Und es gibt in dieser ehrlichen Prosa immer dann, wenn es um seelische oder natürliche Landschaften geht, sehr feine poetische Momente.
Ulla Lessmann, STADTREVUE, Köln
Getrieben von Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in der sächsischen Heimat, ausgestattet mit einer Hand voll von Briefen und Dokumenten aus Archiven, die die Geschichte ihres Bruders in dem widersinnigen Krieg belegen sollen, macht sich Martha auf den Weg. Getrieben letztlich auch von den eigenen Schuldgefühlen. So spielen die Themen Schuld und Verdrängung ebenso wie Wiedergutmachung eine zentrale Rolle in diesem eindringlichen Roman.
Und so überschneiden sich historische Fakten und persönliche Erinnerungen, Vergangenheit verbindet sich mit Gegenwart und mit Zukunft. Die Reise nach dem verlorenen Bruder wird zu einer Reise zu sich selbst. Auch wenn am Ende alles in der Schwebe bleibt – der Weg, auf dem Martha Lenders sich etwa mit einem polnischen Filmemacher und einer Germanistikstudentin anfreundet, war das Ziel.
Diese Reise geht der Leser gerne mit – Anne Dorn hat eine wundervolle poetische Sprache gefunden. Die Beschreibung der polnischen Landschaft, die Eigenwilligkeit der Menschen, denen Martha begegnet, gehören zum Schönsten in diesem Roman. Gleichzeitig ist dieses sinnlich und nachdenklich erzählte Buch der gelungene Versuch einer deutsch-polnischen Verständigung.
Günter Nawe, KÖLNISCHE RUNDSCHAU
“Wohin sie auch geht, wo immer sie steht, sitzt oder liegt, sie ist nie ganz dort, wo man sie sieht.”
Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich in Anne Dorns Roman immer wieder. mit 75 Jahren hat sich Martha Lenders aufgemacht nach Polen, um dort nach Spuren ihres 1945 verschollenen Bruders zu suchen. Was sie sieht und erlebt, ruft immer wieder Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in ihr wach. Häufig spürt sie bei ihren Nachforschungen den Bruder an ihrer Seite. Anne Dorns Roman ist ein langsames und leises Buch. Besonders bei älteren Lesern könnte es aber auf großes Interesse stoßen.
Buchprofile. Medienempfehlungen für die Bücherarbeit
Ihr Buch hat mich bewegt und mir Respekt abgenötigt, nicht zuletzt durch seine Struktur und vielschichtigen Sichtweisen.
Martha Höhl (EKZ)
Und ich darf Ihnen jetzt schon meinen Glückwunsch senden, dass Sie den Mut und die Durchhaltekraft zu diesem Werk hatten, der Grundtenor ist wunderbar und entspricht auch meiner Sicht.
Jiri Grusa, Präsident des Internationalen PEN
Im neuen Roman verdichtet die Autorin historische und persönliche Erinnerungen zu einer Reflexion über Schuld und Wiedergutmachung, Verlust und Verdrängung. Die Protagonistin, Martha Lenders, begibt sich aus dem Rheinland auf Spurensuche in das heutige Polen. Dort verschwand im Januar 1945 der geliebte jüngere Bruder im Ansturm der sowjetischen Armee. Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit, Erschütterungen im eigenen Leben und Briefe aus der Vergangenheit bestimmen die Suche, auf der ein Filmemacher aus Posen, ein Geschichtsprofessor aus Warschau und eine Germnanistik-Studentin ihr zur Seite stehen. Anne Dorn schreibt feinsinnig und beschreibt genau in knappen Sätzen, fragend und nachdenklich.
Die Künstlergilde
Ich lese Siehdichum von Anne Dorn. Es ist die Suche einer alten Frau nach ihrem Bruder, der noch kurz vor Kriegsende eingezogen worden ist und nie zurückkehrte. Sie reist an die Orte des Geschehens um noch irgendetwas von ihm zu erfahren. Die Reise führt sie auch zurück in die Kindheit mit dem Ziel diesem Menschen ein Gesicht zu geben. Das ist ihr wunderbar gelungen, in einer sehr schönen Sprache, sehr klar und doch poetisch. Die Autorin ist nicht sehr prominent. Sie ist eine Bekannte von mir, aber das ist nicht der Grund, warum ich sie empfehle: Es ist ganz einfach ein wunderbares Buch.
Hannelore Hoger, Stuttgarter Nachrichten
Anne Dorns Roman “Siehdichum” erinnert an den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike. Doch der Titel appelliert nicht an ein heilsames Vergessen und Umkehrverbot, sondern an ein Erinnerungsgebot zur rechten Zeit. Nur wer in der Erinnerung an Krieg und Holocaust, an Flucht und Vertreibung die Gegenwart nicht vergisst, ist zu einer wahren Umkehr und Neuorientierung befähigt. Insofern muß man, um Anne Dorns Buch zu verstehen, auch ihre biografische Vorgeschichte kennen. Die Autorin wurde 1925 in Wachau bei Dresden geboren und zog nach dem Krieg nach Westfalen. Lange mußte sie, inzwischen vierfache Mutter, literarische Ambitionen trotz prominenter Ermunterungen durch Heinrich Böll oder Hans Mayer zurückstellen. Dann erfolgte Anfang der Neunzigerjahre der literarische Durchbruch. Zwei Romane erschienen: 1991 der deutsch-deutsche Roman “hüben und drüben”, 1992 der Roman “Geschichten aus tausendundzwei Jahren” über Kindheit und Jugend in der NS-Diktatur. Im selben Jahr erschien das Nachwende-Schwestern-Drama “rübergemacht”, das 2005 erfolgreich in Köln inszeniert wurde.
Anne Dorn schreibt eine unerschrockene, genaue, detailreiche und intensive Prosa, sie erzählt von einer deutschen Vergangenheit, um die moderne europäische Gegenwart zu verstehen, und ist dabei frei von revisionistischen oder reduktionistischen Geschichtsbildern, die das deutsch-polnische Verhältnis belasten können. “Siehdichum” ist ein deutsch-polnischer Verständigungsroman, weder auf vorschnelle Versöhnung mit der Vergangenheit noch auf einseitige Täter-Opfer-Schemata aus, aber mit “unantastbarer Hoffnung” ausgestattet und um die Zukunft dieses europäischen Erinnerungskapitels ernsthaft besorgt.
Michael Braun, DIE POLITISCHE MEINUNG
»Ich gratuliere Ihnen zu dem gelungenen Versuch, eine deutsche Verlustbewältigung zu schildern, die offensichtlich nur mit polnischer Hilfe möglich war, eine menschliche Erfahrung also, die Nähe und Zuneigung möglich macht, ohne die Erfahrung der Fremdheit und der kulturellen Differenz zuvor überwinden oder eugnen zu müssen. Ihr Buch zeigt mir, wie intensiv und wie persönlich man bald 60 Jahre nach Kriegsende diesem Teil der deutschen Vergangenheit nachgehen kann (…) .«
Andreas Lawaty, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa
Wie authentisch diese Prosa immer sein mag – es handelt sich um ein großartiges Stück Literatur. Dargeboten in einem gekonnt gebrochenen Erzählen: In die Geschichte der Suche sind Zeitzeugenberichte aus jenen Kriegstagen eingeschoben, Gedichte polnischer Lyriker, Sätze aus dem Grimmschen Märchen "Brüderchen und Schwesterchen". …
Die Suche nach Spuren des Bruders, so begreifen wir bald, ist auch eine Suche dieser Frau nach der eigenen Identität. Wie all dies oft unbewusst miteinander verwoben ist, wird für uns nur sichtbar, weil dies ein Buch leiser Zwischentöne ist. Es zeigt uns beispielsweise, wie viel sich im Schweigen zwischen dem in Dialogen Ausgesprochenen ereignet. …
Staunend liest man, wie hier alle Möglichkeiten der deutschen Sprache genutzt werden, um dieses Verwobensein von Vergangenem, menschlichem Leid und Landschaft darzustellen. Wie etwas jenseits des Sichtbaren im Erzählen erfahrbar wird. Ein emotional so starker, fast metaphysischer Moment in einem Ton beschrieben ist, der präzise und poetisch zugleich ist.
Worauf diese Frau hofft, sichtbare Spuren des Bruders zu finden, das erfüllt sich nicht. … Dass es so etwas wie "Brüderlichkeit" gibt, ist eine der überraschenden Erfahrungen, die diese Martha Lenders macht. Das ist mit beeindruckender Wahrhaftigkeit erzählt wie alles in diesem Roman.
Tomas Gärtner, DRESDNER NEUESTE NACHRICHTEN
Entstanden ist ein bemerkenswerter Roman, eine berührende deutsch-deutsch-polnische Geschichte, die so noch nicht zu lesen war. In einem Radiogespräch nach dem zentralen Thema des Buches gefragt, äußerte Anne Dorn: "Die überwiegende Intention war die Suche an sich. Nicht dass mein Bruder von Anfang an im Zentrum gestanden hätte, das war einAnlass … Ich lebte ja schon lange im Westen, ich hatte meine Eltern im Osten … und habe also die ganze deutsche Teilung gelebt. Auf jeden Fall war das auch noch mal eine Wendung vom Westen nach Osten. Und da hab ich das Gefühl gehabt, das muss ich noch einmal machen, bevor ich von der Welt verschwinde."
C. David, Signum / Blätter für Literatur und Kritik, 9. Jahrgang, Heft 2, Sommer 2008

